Mittelhochdeutsche Metrik
Der Versbegriff

Den Begriff 'Vers' sauber zu definieren, ist nicht ganz einfach. Lat. versus bedeutet so viel wie Wendung: Der Vers ist eine in sich geschlossene, rhythmisch organisierte Texteinheit. Innerhalb eines gleichgearteten Kontextes setzt sie einen Neuansatz voraus. Hierbei kann dasselbe Schema wiederkehren oder verlassen werden. Das Wesen des Verses erhellt augenblicklich im schriftlichen Medium, nämlich über die Form der Zeile; im mündlichen Vortrag könnte einem Zeilenschluss eine verhaltene Pause entsprechen (die aber in der Praxis durchaus überspielt werden kann).
Im Unterschied zur Prosa gehorcht gebundene Rede mit der geschlossenen, im Fall etwa des epischen Vierhebers wiederkehrenden, Einheit Vers und ggf. dem korrespondierenden Element Endreim einem vorgegebenen festen Formprinzip. Dieses schafft sichernde Koordinaten und wirkt schon als solches, unabhängig von Erzählerintentionen, objektivierend, tragend und strukturierend an der Aussage mit. Zugleich geht der formale Rahmen – dank der vielfältigen Freiheiten in Versfüllung, Reimgestaltung und Widerspiel zwischen Reimbindung und Syntax – mit dem Gestaltungswillen des Erzählers zu einer bruchlosen Einheit auf.