Mittelhochdeutsche Metrik
Kadenzen des klassischen Vierhebers (Übersicht)

Der klassische epische Vierheber kennt nur zwei Grundtypen von Kadenzen (Versschlüssen), diese jeweils in zwei Varianten aufgefächert.
Wenn der letzte (vierte) Takt mit einer Haupthebung beginnt, spricht man von einer vollen Kadenz (v).
Beginnt er mit einer Nebenhebung spricht man von einer klingenden Kadenz (k).
Die Haupthebung (´) setzt (in diesem Modul) immer eine sprachlich (haupt- oder neben-) betonte, die Nebenhebung (`) immer eine sprachlich unbetonte Silbe voraus.
Ein gefälliges Abwechseln zwischen vollen und klingenden Kadenzen wirkt der Gefahr von Monotonie entgegen. Gelegentlich dient aber etwa eine längere Folge klingender Kadenzen als Stilmittel; sie hat etwas Getragenes, z.B. als feierlicher Schluss ('Armer Heinrich' 1505-1520) oder als Ausdruck einer tragischen Schicksalserfüllung ('Helmbrecht' 1891-1908 – vor der Exekution des Protagonisten) u.ä.
Generell nicht im epischen Vierheber, wohl aber in strophischen Zusammenhängen kommt ein dritter Kadenztyp vor, die stumpfe Kadenz (s). Sie ist dadurch gekennzeichnet, dass der gesamte Schlusstakt pausiert wird:
MF 8,34 m<span style="font-family:tumetrik; font-size:15px;">é</span>re dánne ein j<span style="font-family:tumetrik; font-size:15px;">á</span>r <span style="font-family:tumetrik; font-size:15x;">|zx|z++|z<|<<|</span>
Es gibt sogar die Kombination von stumpfer und klingender Kadenz, die klingend-stumpfe oder überstumpfe (auch 'unterfüllt' genannte) Kadenz; sie endet bei pausiertem Schlusstakt auf eine sprachlich unbetonte Silbe bei metrischer Nebenhebung:
MF 9,6 sch<span style="font-family:tumetrik; font-size:15px;">ó</span>ne vlíegèn <span style="font-family:tumetrik; font-size:15px;">|zx|>|y<|<<|</span>
Problemfälle:
Es darf nicht verschwiegen werden, dass immer wieder einmal klassische epische Vierheber vorkommen, die sich einer Realisierung von vier Hebungen zu widersetzen scheinen, so z.B. 'Gregorius' 989:
geváren <span style="font-family:tumetrik; font-size:15px;">ú</span>f den s<span style="font-family:tumetrik; font-size:15px;">é</span>
Dies suggeriert eine stumpfe Kadenz, welche der epische Vierheber nicht vorsieht : <span style="font-family:tumetrik; font-size:15px;">.|zx|zx|z<|<<|</span>
Der besagte See ist in Aufruhr: Will man nicht (gegen die Überlieferung) ein Attribut wilden o.ä. ergänzen, müsste man, um vier Hebungen zu erzwingen, gleichsam mit gestischer Untermalung, also deiktisch, das den in Form einer beschwerten Hebung hauptbetonen:
<span style="font-family:tumetrik; font-size:16px;">.|zx|>|>|z<|</span>
Zwiespältig ist auch 'Helmbrecht' 137:
wól síben wébaerè
Vier Hebungen lassen sich wohl nur so unterbringen:
<span style="font-family:tumetrik; font-size:16px;">|>|zx|zx|y<|</span>
webaere ('Weber') sollte als deutsches Wort initialbetont sein; es reimt dabei auf eine zweisilbig klingende Kadenz (wáere: <span style="font-family:tumetrik; font-size:16px;">|>|y<</span>). Das wol trägt so, gemessen am Sinn, mit einer taktfüllenden Halben wohl einen übermäßig starken Akzent.