Mittelhochdeutsche Metrik

Metrische Grundbegriffe und Notationen 2

Viertel (Mora): Ein Takt im epischen Vierheber enthält immer den Zeitwert einer halben Note. Die einzelne Silbe im alternierenden (zweisilbigen) Ablauf umfasst den Zeitwert einer Viertelnote (im Schema wiedergegeben als x). So kann etwa ein Takt aussehen: wér-der <span style="font-family:tumetrik; font-size:16px;">|zx|</span> oder auch wé-der <span style="font-family:tumetrik; font-size:16px;">|zx|</span> (zwei Silben, schematisch dargestellt durch zwei Viertelnoten).
Achtel: Eine Achtel hat den Wert einer halben Mora. Dieser Zeitwert ergibt sich infolge von Spaltungen bei einer Taktfüllung mit mehr als zwei Zeichen. Die Achtel treten immer in Paarung auf: Jedem Achtel-Paar liegt die Vorstellung einer Mora zugrunde. Obwohl also eine kurze offene Tonsilbe den Akzent trägt, ruft dieser letzlich die Einheit einer Viertel-Position auf. Daher empfiehlt es sich nicht, die 2. Achtel der Kategorie unbetonter Silben zuzurechnen. Je nach Quantität der betonten Silbe sind innerhalb eines Taktes folgende Kombinationen möglich:
- zwei Achtel (<span style="font-family:tumetrik; font-size:16px;">++</span>) und eine Viertel (x)
Gottfried, Tristan 91: dâ míte sô m<span style="font-family:tumetrik; font-size:15px;">û</span>ezegèt der múot <span style="font-family:tumetrik; font-size:16px;">.|,+x|zx|yx|z<|</span>
- eine Viertel (x) und zwei Achtel <span style="font-family:tumetrik; font-size:16px;">(++)</span>
Gottfried, Tristan 92: und íst dem múote ein míchel gúot <span style="font-family:tumetrik; font-size:16px;">.|zx|z++|zx|z<|</span> (unelidiert)
- oder sogar vier Achtel
Wolfram, Parzival 116,21: ze hímele mit éndel<span style="font-family:tumetrik; font-size:16px;">ó</span>ser gébe <span style="font-family:tumetrik; font-size:16px;">.|,+++|zx|zx|,+<|</span>
Halbe (Doppelmora) = beschwerte Hebung: Ein Takt kann auch nur eine Silbe (―), mit dem Zeitwert einer halben Note, enthalten. Die Silbe muss metrisch lang sein (also keine kurze offene Tonsilbe). Mit dem folgenden Takt schließt unmittelbar eine ('beschwerende') Hebung an.
Viertelpause: Der klassische epische Vierheber endet stets mit einer Viertelpause: <span style="font-family:tumetrik; font-size:16px;"><</span>; sie hat die Länge einer Mora: Das bedeutet zugleich, dass der vierte Takt nie mit einer halben Note (―) gefüllt ist. Viertelpausen stehen, ungeachtet gelegentlich abweichender Praxis, in diesem Modul auch nicht ausnahmsweise im Versinneren. Beginnt der folgende Vers mit einem Auftakt, so setzt man die Viertelpause in Klammern <span style="font-family:tumetrik; font-size:16px;">(<)</span> (→ Synaphie).
Auftakt: Da die Überzahl der Verse nicht mit einer betonten Silbe beginnt, gerät sprachliches Material, zumeist eine Silbe (gelegentlich auch mehr), in die sog. Vorsenkung vor Beginn des ersten Taktes; man spricht in dem Fall von 'Auftakt'. Unbetontes Material am Versbeginn wird in diese Vor-Phase 'ausgelagert'. Ebenso wie innerhalb des Viertaktschemas umfasst - wie etwa an der Fugung deutlich wird - dieses Spatium der Unbetontheit stets den Zeitwert einer Viertel (Mora). Nachdem mehr-als-zweisilbige Auftakte vorkommen und ein Verrechnen von Achteln und Sechzehnteln widersinnig wäre, werden die Auftakt-Silben je mit einem (der Quantität nach im Prinzip indifferenten!) Punkt vor dem ersten Taktstrich gekennzeichnet: Zwei oder drei Auftaktsilben erfüllen rhythmisch denselben Stellenwert wie eine einzige.
Innerhalb des Auftaktes sind Wort- und Sinnton ohne Belang, und es fehlen dementsprechend metrische Akzente; diese sind für das Taktinnere reserviert:
Wolfram, Parzival 1,1: Ist zw<span style="font-family:tumetrik; font-size:16px;">í</span>vel hérzen n<span style="font-family:tumetrik; font-size:15px;">á</span>chgeb<span style="font-family:tumetrik; font-size:15px;">ú</span>r <span style="font-family:tumetrik; font-size:16px;">.|zx|zx|zx|z<|</span>
oder Parzival 75,5: vil manec wérder mán in <span style="font-family:tumetrik; font-size:15px;">í</span>senw<span style="font-family:tumetrik; font-size:15px;">á</span>t <span style="font-family:tumetrik; font-size:16px;">.</span><span style="font-family:tumetrik; font-size:16px;">.</span><span style="font-family:tumetrik; font-size:15px;">.</span><span style="font-family:tumetrik; font-size:15px;">|zx|zx|zx|z<|</span>
(die drei Punkte vor dem ersten Taktstrich stehen hier für 1. vil 2. ma- 3. -nec)