Mittelhochdeutsche Metrik

Metrischer Rahmen

Unter metrischem Rahmen versteht man das wiederkehrende Schema der übergeordneten metrischen Einheiten Vers bzw. Strophe. Als Koordinatensystem liegt es verbindlich fest; es duldet aber eine in gewissen Grenzen freie Ausfüllung. So ist der epische Vierheber[1] dadurch definiert, dass er als Vers von vier Takten nicht mehr (und in aller Regel auch nicht weniger[2]) als vier metrisch betonte Silben aufweist. Das Viertaktschema gibt den metrischen Rahmen vor. Der Vers gliedert sich in die drei Bereiche Versbeginn, Versinneres und Versschluss (Kadenz).

Das Viertaktschema wird nach Maßgabe des jeweiligen sprachlichen Materials intern unterschiedlich realisiert; Bereiche metrischer Varianz:
- Versinneres: vom alternierenden Schema[3] abweichende Taktfüllung
- Versschluss: wechselnde (Kadenzen)
- Versbeginn: sog. Vorsenkung (Auftakt), freie Anlaufphase von einer oder auch mehr unbetonten Silben.
Schließlich ist das metrische Raster selbst Grundlage für ein eigenes Spannungsmoment, nämlich ein behutsames Abweichen im Vortrag von der vom Schema her erwarteten metrischen Betonung. Die metrische Senkung (unbetonte Position) kann am Sinnton partizipieren oder ihn zur Gänze übernehmen, während umgekehrt eine der Aussage nach leichtgewichtige Silbe von einem metrischen Akzent entlastet werden kann: 'schwebende Betonung'.


[1] Unter dem Gesichtspunkt Gruppenbildung ist der Vers die kleinste metrische Einheit. Der epische Vierheber wird – im Unterschied etwa zur Strophe (mhd. liet), die mehrere Verse umfasst – als stichisches Element bezeichnet.
[2] Zu extrem silbenarmen Versen (vornehmlich in Hartmanns Erec) vgl. Paul/Glier, Deutsche Metrik, §69 Ende.
[3] Alternierend heißt: zwei Silben pro Takt (betont-unbetont).