Mittelhochdeutsche Metrik
Quantitäten

Das wägende Prinzip des deutschen Verses (Unterscheidung von Hebung und Senkung) darf nicht missverstanden werden: Unter bestimmten Bedingungen spielt die Quantität (Länge/Kürze) einer Silbe sehr wohl eine Rolle. Metrische Länge einer Silbe ist gegeben, entweder wenn ihr Vokal lang ist (Langvokal oder Diphthong) oder wenn auf einen Kurzvokal noch ein Konsonant folgt.[1] Metrisch kurz ist nur die kurze offene Tonsilbe (auf betonten Kurzvokal endend).
Zunächst gilt: Die Quantität unbetonter Silben ist immer ohne Belang. Diejenige betonter Silben im epischen Vierheber kommt dagegen immer dann zur Geltung, wenn der alternierende Duktus, nämlich der regelmäßige Wechsel von betonter und unbetonter Viertel, unterbrochen wird, also ein Takt nicht mehr zweistellig (sondern knapper oder reicher) gefüllt ist.
Nimmt nur eine einzige Silbe den Takt ein (einsilbiger Takt), kommt es also zur beschwerten Hebung, so muss diese Silbe lang sein. Die Halbe oder Doppelmora (―) muss immer mit metrischer Länge unterlegt sein:
Parzival 119,17: ouw<span style="font-family:tumetrik; font-size:15px;">é</span> múoter, wáz ist gót? <span style="font-family:tumetrik; font-size:15px;">.|>|zx|zx|z<|</span>
Parzival, 1,15: diz vlíegènde b<span style="font-family:tumetrik; font-size:16px;">í</span>spél<span style="font-family:tumetrik; font-size:15px;">.|>|yx|>|z<|</span>
oder Parzival 86,15: von dém sól er lédec s<span style="font-family:tumetrik; font-size:16px;">í</span>n <span style="font-family:tumetrik; font-size:15px;">.|>|zx|zx|z<|</span>
dem im letzten Beispiel ist allein infolge des auslautenden Konsonanten metrisch lang – ungeachtet seines Kurzvokals.
Auch die häufigen dreisilbigen Takte stellen ein Abweichen vom alternierenden Duktus dar. In ihnen wird eines der beiden Viertel in zwei Achtel 'gespalten'. Je nachdem, welches Viertel von der Spaltung betroffen ist, spricht man von Hebungs- oder von Senkungsspaltung. Um zu entscheiden, wo die Spaltung zu erfolgen hat, muss man sich über die Quantität der betonten Silbe Rechenschaft geben: Ist sie metrisch lang (s.o.), so beginnt auch der Takt mit der längeren Maßeinheit (der Viertel); es kommt damit zur Senkungsspaltung – auf die betonte Viertel folgen zwei Achtel <span style="font-family:tumetrik; font-size:15px;">(z++)</span>:
Parzival 89,11: und wérdecl<span style="font-family:tumetrik; font-size:15px;">í</span>cher dénne ze mír <span style="font-family:tumetrik; font-size:15px;">.|zx|zx|z++|z<|</span>
Ist die betonte Silbe metrisch kurz, so beginnt der Takt mit der kurzen Maßeinheit! Es kommt zur Hebungsspaltung – auf zwei Achteln folgt eine Viertel <span style="font-family:tumetrik; font-size:15px;">(,+x)</span>:
Parzival 88,6: dîn vréudẹ ist kúmbers lédec zehánt <span style="font-family:tumetrik; font-size:15px;">.|zx|zx|,+x|z<|</span>
Merke umgekehrt: Die betonte Achtel muss immer mit einer Kürze (kurze offene Tonsilbe) unterlegt sein!
Die sprachliche Quantität spielt ebenso bei Versschlüssen (Kadenzen) eine entscheidende Rolle, da auch hier häufig genug das Maß der Viertel verlassen wird: zweisilbig klingende (= einsilbig gefüllter dritter Takt) oder zweisilbig volle Kadenz (= Hebungsspaltung: kurze offene Tonsilbe im vierten Takt).