Mittelhochdeutsche Metrik

Reimbrechung

Die epischen Vierheber sind paargereimt; mit der Reimbindung entstehen stets wiederkehrende Einheiten aus zwei Versen. Dies birgt die Gefahr der Monotonie. Ihr wirken die Autoren mit wechselnden Kadenzen und mit der sog. Reimbrechung (Rb) entgegen. Letztere kommt zustande, indem die syntaktische Einheit nicht mit der metrischen kongruiert: Das syntaktische Kolon, seinerseits eine abgeschlossene Einheit (Hauptsatz oder Satzgefüge), endet nach dem ersten Reimwort; die quasi beliebig lange Pause ist im Text durch Punkt, Doppelpunkt, Rufzeichen, Fragezeichen, Semikolon oder Gedankenstrich gekennzeichnet. Durch den Satzschluss mitten im Reimpaar wird dessen blockhafter Zusammenhalt 'gebrochen'. Beispiel ('Tristan', 4723-4727):

Wen mag ich nû mêr ûz gelesen? (Reimbrechung)
ir ist und ist genuoc gewesen
vil sinnic und vil rederîch.(Rb)
von Veldeken Heinrîch
der sprach ûz vollen sinnen.(Rb)

Die Leistung der Reimbrechung lässt sich etwa so umschreiben: Während das erste Reimwort den Impuls zur gedanklichen Fortsetzung liefert, sichert das zweite die 'logische' Anbindung an das Voraufgehende. Mit der Reimbrechung lässt sich eine bedeutungsvolle Pause markieren, etwa auch ein folgender zusammenfassender Satz vorbereiten. Anders als der Begriff suggerieren möchte, besteht die wesentliche Leistung der Reimbrechung also – mittels des Reims – in einer über dessen Grenzen hinauswirkenden spannungsreichen Verklammerung von Aussagen. So kann fortgesetzte metrisch-synaktische Inkongruenz weit ausgreifende Spannungsbögen entstehen lassen. Ein Kolonschluss nach dem zweiten Reimwort (Beendigung der Reimbrechungen) markiert dann den Abschluss eines Sinnabschnittes. Die Reimbrechung kann im Übrigen auch der inneren Belebung einer weitergespannten Textpartie dienen und in konsequenter Folge Ausdruck besonders engagierten Sprechens sein.
Für den mündlichen Vortrag war die Reimbrechung eine probate mnemotechnische Hilfe, da jeweils die Reimvorgabe ein maßgebliches Stichwort zum folgenden Wortlaut lieferte.

Ein anschauliches Beispiel für die (gegliederte) Komposition größerer Sinneinheiten ist der Prolog zu Hartmanns 'Iwein' (vv. 1-20).