Mittelhochdeutsche Metrik

Reime

Im klassischen Mhd. herrschen reine Reime (Endreime): Übereinstimmung aller Laute vom betonten (ggf. auch metrisch nebenbetonten wie Oúwaère [neben maére]) Vokal an. Bei konsonantischer Abweichung, wie sie in der früheren Zeit nahezu die Regel ist, spricht man von Assonanzen (vokalischen Halbreimen) [Bsp. Dietmar MF 37,4-7 Ez stuont ein frouwe aleine / und warte uber heide / und warte ire liebe, / so gesach si valken fliegen.]. Gelegentliche Lizenzen im Konsonantismus gibt es allerdings sogar im klassischen Reim, wie wîpzît, namkan, gâbenlâgen; auch Quantitätsabweichungen wie garwâr (auch etwa -u- – -uo-) kommen vor. Ein wesentlicher Unterschied zur neuzeitlichen Vorstellung von reinen Reimen besteht darin, dass offensichtlich auch Wortbedeutung bzw. grammatikalische Funktion in das Reimverständnis hineinwirken: Scheinbar identische Reime sind erlaubt (und durchaus nicht selten), wenn nach den genannten Kriterien Abweichungen vorliegen, etwa sîn (Inf. des verbum substantivum) – sîn (Poss.-Pron.), leit (= leget) – leit (Subst.), man (Subst.) – man (1. Sg. Prs. Ind.) usw. Doch unterscheidet das klassische Mhd. in betonter Position penibel zwischen altererbtem germ. ë wie z.B. in wërn (währen; zahlen, gewähren) und dem (geschlosseneren) per Umlaut aus a entstandenen in wẹrn (schützen, verteidigen, wehren). Ebensowenig reimen das altererbte germ. s wie in gras und die über die II. LV aus germ. t entstandene Spirans z wie in saz. Unreine Reime wie 'Gemüt' - 'Lied' oder 'sprießen' - 'grüßen' kennt das klassische Mhd. nicht.
Der epische Vierheber ist ein Reimpaarvers. Lediglich in bereits nachklassischen Texten begegnet als Abschluss eines (paargereimten) Sinnabschnittes der sog. Dreireim (das Reimpaar um einen Vers erweitert).
In ihrer Abfolge werden die unterschiedlichen Reime (eines geschlossenen Textzusammenhanges) mit fortlaufenden Kleinbuchstaben gekennzeichnet, ggf. auch die Reimpaare im epischen Vierheber:

'Willehalm' VI 312,9-16:
man muoz des sîme swerte jehen, a
het ez hêr Nîthart gesehen a
über sînen geubühel tragen, b
er begundez sînen friunden klagen: b
daz lie der marcrâve âne haz, c
swie nâhe er bî der künegîn saz. c