Mittelhochdeutsche Metrik
Schwebende Betonung

Für die Umsetzung epischer Vierheber in das Heuslersche Zeichensystem empfiehlt es sich, in einem ersten Schritt die Verse ohne Rücksicht auf Feinheiten der Sinn-Nuancierung zu 'leiern'. Wollte man besagte Feinheiten punktgenau ins Zeichensystem umsetzen, geriete man sehr bald in Rechnereien mit Sechzehnteln. Weicht indessen eine anspruchsvolle Sinnbetonung vom schematischen metrischen Duktus ab, so kann man dies in einem zweiten Schritt durch ein Zeichen für die sog. schwebende Betonung verdeutlichen: Es besteht in einer tildeähnlichen Wellenlinie (~) über den zwei (oder gar drei) Silbenzeichen, die von einer Nuancierung der Betonung betroffen sind.
Der Sinnton wird entweder gewissermaßen auf die (metrisch zunächst unbetonte, aber betonungsfähige) benachbarte Silbe verlagert ('hinübergemogelt'):
Hartmann, Iwein, 4: des g<span style="font-family:tumetrik; font-size:15px;">í</span>t gewísse l<span style="font-family:tumetrik; font-size:15px;">é</span>rè <span style="font-family:tumetrik; font-size:15px;">.~zx|zx|>|y<|</span>
Das des bezieht sich auf die These der voraufgegangenen drei Eingangsverse im 'Iwein' und trägt entsprechend, anders als g<span style="font-family:tumetrik; font-size:15px;">í</span>t, den Sinnton: Die schwebende Betonung nimmt hierauf Rücksicht, indem sie den (ursprünglich metrischen) Akzent, zum Sinnton umgewidmet, um eine Position versetzt.
Oder der Sinnakzent wird ausgleichend auf die benachbarten Silben verteilt:
Gottfried, Tristan, 4653: ob sí sô wól dar án gezémen<span style="font-family:tumetrik; font-size:16px;">.~z x~zx|zx|,+<|</span>
(Hier folgt auf eine Akzentverlagerung ein Akzentausgleich)
Der bevorzugte, geradezu klassische Ort für schwebende Betonung ist der Bereich des Versbeginns.
Merke: Die schwebende Betonung sollte nicht zum Alibi dafür herhalten, Tonbeugungen einzugehen, um sie nachträglich zu 'korrigieren'; die Wortbetonung muss vorab stimmen:
Gottfried, Tristan, 11765: Minne, sîn erbevogetîn sollte also
nicht so: <span style="font-family:tumetrik; font-size:15px;">.|zx|</span> (minné sîn),
sondern so: <span style="font-family:tumetrik; font-size:15px;">|z++|</span> (mínne sîn)
metrisiert werden.