Mittelhochdeutsche Metrik

Takt- und Versfüllung

Jeder Takt beginnt mit einer betonten Silbe. Pausen im Versinneren sind nicht vorgesehen. Im alternierenden Ablauf enthält ein Takt zwei Silben. Es gibt Abweichungen in beiderlei Richtungen (Füllung mit einer oder mehr als zwei Silben):
- Nachdem jeder Takt mit einer Hebung einsetzt, stoßen für den Fall, dass ein Takt nur mit einer Silbe (Halbe/Doppelmora: ―) gefüllt ist, zwangsläufig zwei Hebungen unmittelbar aufeinander (beschwerte Hebung):
Parzival 121,7: ein pr<span style="font-family:tumetrik; font-size:15px;">í</span>s dén wir Béier trágen <span style="font-family:tumetrik; font-size:16px;">.|>|zx|zx|,+<|</span>
Geschieht dies innerhalb eines Wortes, das sprachlich nur einen (Haupt-) Akzent trägt, wird der direkt folgende, auf eine unbetonte Silbe fallende metrische Iktus zu einem Nebenton (`).
- Auch die häufigen dreisilbigen Takte stellen ein Abweichen vom alternierenden Duktus dar. In ihnen wird eines der beiden Viertel in zwei Achtel 'gespalten'. Je nachdem, welches Viertel von der Spaltung betroffen ist, spricht man von Hebungs- oder von Senkungsspaltung.
Bsp. für Hebungs- und Senkungspaltung nebeneinander:
Parzival 88,9: saz der k<span style="font-family:tumetrik; font-size:15px;">û</span>negîn únder ir mántels órt <span style="font-family:tumetrik; font-size:15px;">.</span><span style="font-family:tumetrik; font-size:16px;">.</span><span style="font-family:tumetrik; font-size:16px;">|,+x|z++|zx|z<|</span>
Auch in der zweisilbig vollen Kadenz kommt es infolge der taktabschließenden Pause zu einer mehr-als-zwei-stelligen Taktfüllung (vgl. oben: trágen <span style="font-family:tumetrik; font-size:15px;">|,+<|</span>).
Die Frage der Taktfüllung wird schließlich beeinflusst durch den Umgang mit dem sog. Hiat. Dieser kann durch Elision (Entfall des auslautenden Vokals vor vokalischem Anlaut – was die Kürzung um eine Silbe bedeutet) vermieden werden.

Bei der Frage, wie sich das gegebene sprachliche Material dem gesamten Viertaktschema fügt, empfiehlt es sich, allein wegen der reimbedingten Vorgaben, von der Kadenz her zu denken. Diese kann, etwa als klingende Kadenz, bereits die Hälfte des durch die Takte markierten Rahmens ausfüllen. Bei aller relativen Freiheit der Taktfüllung (variierende Silbenzahl) fügt sich die verbleibende sprachliche Aussage dann nicht immer dem noch verfügbaren Raum im Versinneren, sondern 'flutet' über die Grenze des Versbeginns hinaus in die sog. Vorsenkung. Für die Praxis der Metrisierung bietet sich also der Auftakt als Manövrierzone an, die jenes sprachliche Material aufnehmen kann, das sich – von der Kadenz her gedacht – dem Viertaktschema nicht ohne weiteres einfügen will.