Mittelhochdeutsche Metrik

Volle Kadenz

Folgt auf die Haupthebung im vierten Takt keine weitere Silbe, so handelt es sich um eine einsilbig volle Kadenz (1v), notiert als <span style="font-family:tumetrik; font-size:16px;">z<</span> (dies die geläufige Terminologie; der Begriff ‚männlich’ wird in diesem Modul nicht verwendet):

Parzival 89,11: und wérdecl<span style="font-family:tumetrik; font-size:16px;">í</span>cher dénne ze mír <span style="font-family:tumetrik; font-size:16px;">.|zx|zx|z++|z<|</span> 1v
Folgt dagegen eine weitere Silbe, so liegt eine zweisilbig volle Kadenz vor, notiert als <span style="font-family:tumetrik; font-size:16px;">,+<</span> (2v):
Gottfried, Tristan, 4653: ob sí sô wól dar án gezémen<span style="font-family:tumetrik; font-size:16px;">.|zx|zx|zx|,+<|</span> 2v
Infolge der versabschließenden Viertelpause wird der letzte Takt de facto dreistellig: Nach dem Grundsatz, dass in mehr-als-zweisilbigen Takten die Quantität der betonten Silbe eine Rolle spielt, muss die betonte Achtel der zweisilbig vollen Kadenz eine kurze offene Tonsilbe sein (hier: -ze-).

Der Begriff 'weiblich' wird in diesem Modul nur für den nicht-klassischen Sonderfall eines zweisilbig gefüllten Schlusstaktes ohne Viertelpause, die weiblich volle (wv) Kadenz: <span style="font-family:tumetrik; font-size:16px;">|zx|</span>, verwendet.

Sonderfälle:
Erst seit Thomasin von Zerklaere (einem italienischen Autor, 2. Jz. 13. Jh.) findet die weiblich volle Kadenz Eingang in den epischen Vierheber. Das sprachliche Material strebt nach einer Füllung des Viertaktschemas in der Art, dass in der Regel vier Haupthebungen realisiert werden: Den letzten Takt eröffnet eine mit sprachlicher Länge unterlegte hauptbetonte Viertel, und anstatt einer Viertelpause folgt eine weitere, unbetonte Viertel, etwa:

Welscher Gast, 47f.: Ich fúriht ób ich euh lérn wólde, / Wí man wélihischen spréchen sólde
67f.: ób ich an der téusche míss spríche, / Ez ensól niht dúnchen wúnderlíche
75f.: Ích haizz thómasin vón zerklére, / Bóeser leute spót ist mir únmére
10490: ain hálber ár mag níht gevlíegen
Das sprachliche Material, das der letzte Takt umfasst, ist identisch mit dem einer zweisilbig klingenden (d.h. über zwei Takte verteilten) Kadenz, die den vorletzten Takt mit einer Halben füllt und im letzten Takt nebenbetonte Viertel und Viertelpause aufweist. Wollte man etwa in Ez ensól niht dúnchen wúnderlíche (<span style="font-family:tumetrik; font-size:16px;">.</span><span style="font-family:tumetrik; font-size:16px;">.</span><span style="font-family:tumetrik; font-size:16px;">|zx|zx|zx|zx|</span>) eine klingende Kadenz erzwingen, müsste man (um deren Okkupation des dritten Taktes durch die vorletzte Silbe zu kompensieren) den Auftakt auf vier Silben erweitern (<span style="font-family:tumetrik; font-size:16px;">.</span><span style="font-family:tumetrik; font-size:16px;">.</span><span style="font-family:tumetrik; font-size:16px;">.</span><span style="font-family:tumetrik; font-size:16px;">.</span><span style="font-family:tumetrik; font-size:16px;">|zx|zx|>|y<|</span>); derartiges ist aber, wie zahllose parallele Fälle bezeugen, nicht gemeint.

Stricker-Kadenz: Hier folgt der letzte Takt (in Form einer beschwerten Hebung) auf einen hauptbetonten einsilbigen Takt, z.B.:
wan ím daz w<span style="font-family:tumetrik; font-size:15px;">í</span>p sô líep wás <span style="font-family:tumetrik; font-size:16px;">.|zx|zx|>|z<|</span> (Der begrabene Ehemann 88).